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“Wenn es um Liebe geht, wird alles groß” – Intervista in Tedesco a Roberto Benigni

In Italien haben mehr als eine Million Menschen seine Dante-Show gesehen – Jetzt tourt der Komiker Roberto Benigni durch Europa

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Standard: In einer Zeitung haben Sie gesagt: “Nur Dante kann dieses arme Italien noch retten.” Nun ist Dante seit fast 700 Jahren tot. Wie kann er das?

Benigni: Dante hat seinen Beitrag bereits geleistet. Er hat die schönste Geschichte aller Zeiten geschrieben, Die Göttliche Komödie. Es ist die Schönheit, die unsere Welt retten muss.

Standard: Wie soll das gehen?

Benigni: Italien ist das einzige Land, in dem zuerst die Kultur entstand und dann die Nation. Dante hat ihre Entstehung vorausgesehen, er hat die Kämpfe beschrieben – Intrigen, Grausamkeiten, Korruption -, und er hat gezeigt, dass es Wichtigeres auf der Welt gibt. Daran müssen wir uns halten.

Standard: In Italien lernt man Dante schon in der Schule auswendig. Hat Ihnen das seine Dichtung nicht vergällt?

Benigni: Ich habe der Schule nie erlaubt, meine Bildung zu ruinieren. Ich habe immer das gelesen, was mir gefiel. Die Lehrer machen ihre Arbeit, sie lehren die Regeln. Poesie kann man nicht unterrichten. Man spürt sie oder nicht. Meine Begeisterung für Dante wurde entfacht, als ich ihn mit 13 Jahren unter der Bettdecke las.

Standard: In dem Alter gehen Buben mit Erotikheften ins Bett …

Benigni: … die habe ich auch gelesen. Ich habe mir gerne den Playboy angesehen. Die Frauen darauf waren so schön und unerreichbar wie die Divina Commedia.

Standard: Ich nehme an, Ihre Lieblingsgeschichte bei Dante ist jene zwischen Paolo und Francesca. Da geht es auch um Sex.

Benigni: Nein, jene zwischen Dante und Beatrice. Sie hat unsere Einstellung zur Liebe verändert. Was wir heute darunter verstehen, steht in dieser Geschichte. Es gibt keine Frau, die von einem Mann mehr begehrt und umworben wurde. Der Eros war nach dieser Geschichte ein anderer. Dante spart keinen Teil der Liebe aus, auch nicht die abgründigen Seiten. Nicht wir lesen Dante, Dante liest uns! Ich denke mir immer, Himmel, Arsch und Zwirn, das bin ja ich.

Standard: Nicht Shakespeare hat die Psychologie in die Literatur gebracht, sondern Dante?

Benigni: Ja, auch noch viele Jahrhunderte früher. Er hat unsere Liebe seziert.

Standard: Sie sind nicht nur von Poesie, sondern auch von Politik besessen. In Ihrem Dante-Programm kommt Berlusconi ausführlich vor. Was haben die beiden miteinander zu tun?

Benigni: Dante war der Erste, der Zeitgenossen mit antiken Figuren zusammenspannte. Seine Zeitgenossen sprachen mit Moses oder Cleopatra. Berlusconi gehört in diesen Kreis der Wollüstigen, Maßlosen, Lügner, Machtbesessenen und Habgierigen. Eigentlich sollte man für ihn einen eigenen Teil der Hölle reservieren. Ich mag Berlusconi aber mindestens genauso, wie ich Dante mag. Was sollte ich ohne ihn machen? Es ist wunderbar, dass er wieder an der Macht ist. Komiker hätten sonst nichts zu tun.

Standard: Berlusconi beschrieb Obama als “jung, schön und braun gebrannt” . Macht Ihnen der Regierungschef als Komiker Konkurrenz?

Benigni: Ja, Berlusconi ist ein Allrounder, er erzählt Witze, macht Politik und ist ein Sexsymbol. Er ist eine Mischung aus Sharon Stone, Charles de Gaulle und Alberto Sordi. Aber er ist ein freier Mann, also darf er das auch alles machen.

Standard: Machen Sie sich Sorgen um die Freiheit in Italien?

Benigni: Nein, überhaupt nicht. Ich kann alles sagen, was ich will. Ich kann in diesem Interview ohne Probleme über Berlusconi reden.

Standard: Wegen Interviews mit Ihnen haben Menschen schon ihren Job verloren.
Benigni: Diesmal wird das nicht passieren.

Standard: Schmerzt Sie Italiens schlechter Ruf im Ausland?

Benigni: Es gibt Höhe- und Tiefpunkte in der Geschichte eines Landes. Sie werden sehen, bald werden die Italiener in Schönheit wiederauferstehen. Krisen sind Zeiten, in denen man zum Nachdenken kommt. Um ins Paradies zu gelangen, muss man erst einmal durch die Hölle. Wenn wir Berlusconi überleben, überleben wir alles.

Standard: Warum sprechen alle ständig über Berlusconi? Geben die anderen Politiker nichts her?

Benigni: Es gibt keine andere Persönlichkeit in Italien, die ähnlich stark polarisiert wie er.

Standard: Prodi, Veltroni, jetzt Dario Franceschini?

Benigni: Prodi, D’Alema und Veltroni waren charismatische Figuren. Vielleicht leitet Franceschini eine Renaissance der Linken ein. Ich hatte vor, ein Stück über die Linke zu schreiben. Aber immer, wenn ich mich hinsetze, ist bereits ein neuer Parteichef an der Macht.

Standard: In den Siebzigern spielten Sie im Film “Berlinguer, ti voglio bene” von Bertolucci. Enrico Berlinguer war Kommunistenchef. Waren Sie ein Sympathisant?

Benigni: Meine Eltern waren arme Bauern. In der Toskana, wo ich aufgewachsen bin, gibt es eine lange linke Tradition, vor allem unter der Landbevölkerung. Das war eine sehr romantische Angelegenheit: Man schimpfte, man diskutierte und man träumte den Traum der Gleichheit. Diese Gedankenwelt ist mir immer noch sehr nahe. Ich war nie Mitglied einer Partei, aber ich habe immer gewusst, dass ich aufseiten der Meinen stehe.

Standard: Wollten Sie jemals weg aus Italien?

Benigni: Nie. Ich liebe es zu reisen. Aber auch wenn ich ins Ausland fahre, treffe ich immer Italiener. Meine Wurzeln sind tief.

Standard: Ich habe gelesen, dass Sie als Jugendlicher Priester werden wollten.

Benigni: Mit zehn ging ich für einige Monate im Priesterseminar zur Schule. Dann gab es eine Überschwemmung und ich bin patschnass nach Hause zurück. Das war’s dann mit meiner Priesterkarriere. Ehrlich gesagt, ich wollte nie ernsthaft Priester werden, auch wenn ich mich gerne mit theologischen Fragen auseinandersetze.

Standard: Ihr Verhältnis zur katholischen Kirche ist konfliktbeladen. Als Sie sich Anfang der Achtzigerjahre beim Festival in Sanremo über den Papst lustig machten, wurden Sie zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Benigni: Nein, nur zu einem Jahr. Aber das Ganze war ein Scherz. Ich habe Johannes Paul II. durch den Kakao gezogen. Man machte mir den Prozess wegen Beleidigung der Religion und Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts. Dabei war Johannes Paul II. mein absoluter Lieblingspapst. Ich habe ihn auch kennengelernt.

Standard: Wie kam es dazu?

Benigni: Als ich Das Leben ist schön machte, wurde ich angerufen und gebeten, den Film dem Papst vorzuführen. Also bin ich in den Vatikan und habe mir in einem privaten Vorführraum mit dem Papst den Film angesehen. Wir verbrachten einen ganzen Tag zusammen. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens. Wir schrieben uns dann Briefe. Er wollte mich wiedersehen und bat mich, für ihn privat Dante zu rezitieren. Aber leider wurde er krank und es kam zu keinem zweiten Treffen. Ich habe ihn geliebt.

Standard: Welche Rolle spielt die Kirche in Ihrem Leben?

Benigni: Eine große. Ich bin mit ihr aufgewachsen. Meine Eltern erzählten uns als Kinder Geschichten aus der Bibel. Wir besitzen die schönste Religion der Welt.

Standard: Aber Sie kritisieren die Kirche auch scharf.

Benigni: Es gibt nichts Gesünderes als Kritik. Der Zweifel ist Teil des Glaubens. Aber nicht der Glauben beruhigt uns, sondern die Liebe.

Standard: Als Sie in diesem Jahr beim Festival in Sanremo auftraten, lasen Sie einen Brief von Oscar Wilde an seinen Geliebten vor. War das eine Kritik am Umgang der Kirche mit Homosexualität?

Benigni: In Sanremo gab es eine riesige Diskussion rund um ein Lied, das vermeintlich gegen Schwule gerichtet war. Darauf wollte ich reagieren. Homosexuelle sind Menschen, die sich lieben. Wenn es um Liebe geht, wird alles groß und die Mittelmäßigkeit hat ein Ende. Also las ich einen Liebesbrief vor. Ich habe aus der ganzen Welt positive Reaktionen erhalten.

Standard: Sind Sie auch mit deutschsprachiger Literatur vertraut?

Benigni: Die gehört zu den schönsten der Welt. In meinem Film Der himmlische Teufel wird viel Lessing und Klopstock rezitiert. Und ich liebe Angelus Silesius. Bereits der Name ist ein Gedicht. “Die Rose ist ohne Warum. Sie bluhet, weil sie bluhet.” Ich habe mir das sogar auf Deutsch gemerkt.

Standard: Hierzulande gehören Dante, Shakespeare oder Goethe zur Hochkultur – ein Best-of-Programm vor 5000 Zuschauern würden viele unpassend finden.

Benigni: Warum? Es gibt nichts Populäreres als die Literatur. Dante hat Die Göttliche Komödie für das Volk geschrieben. Mein Vater kann weder schreiben noch lesen, aber er kann mehrere Gesänge auswendig. Genau das wollte Dante, er schrieb nicht auf Latein, sondern im damaligen Italienisch. Seitdem ich mit meinem Programm durch die Lande toure, stiegen die Verkaufszahlen der Divina Commedia ums Vielfache. Gibt es was Schöneres?

(Stephan Hilpold, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.04.2009)

Hinweis:
Roberto Benigni gastiert mit seinem Programm “TuttoDante” am 16. April in München, am 20. April in Köln und am 21. April in Frankfurt.

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