Von Michael Fuchs-Gamböck | 09.04.2009 | Oberpfalznetz
Oscarpreisträger Roberto Benigni tourt mit seiner Ein-Mann-Show “Tutto Dante” erstmalig durch Deutschland – Am 16. April in München
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Kaum zu glauben, aber wahr: Roberto Benigni ist auch im “wahren Leben” und nicht nur auf der Kinoleinwand oder Theaterbühne das quirlige, aufgedrehte Männchen, das stakkatohaft pausenlos geschliffene Pointen verstreut. Dabei ist er niemals ein Dampfplauderer, dafür stets unter Volldampf und intellektuell hervorragend gerüstet.
Momentan hat der Mann aus der Toskana, der in Deutschland 1997 durch seinen mit drei Oscars preisgekrönten Film “Das Leben ist schön” bekannt wurde, seine das Hirn heftig fordernden Verbalattacken mit dem Thema “Die Göttliche Komödie” gespickt. Schließlich besteht seine aktuelle Show “Tutto Dante”, mit der er derzeit durch Deutschland tourt, exklusiv aus Texten dieses bedeutendsten Klassikers der italienischen Literatur aus dem 14. Jahrhundert von Autor Dante Alighieri. Darin wird in 99 Versen eine imaginäre Reise in die Hölle, ins Fegefeuer und am Ende ins Paradies beschrieben. Die Botschaft lautet: “Jeder schafft sich schon zu Lebzeiten seine eigene Hölle.”
Aus diesem Werk trägt Dante-Kenner Benigni in seiner Ein-Mann-Show “Tutto Dante” voller Poesie, Weisheit und Leidenschaft, gepaart mit einer guten Portion Ironie und Komik vor. Er kommentiert die Verse und bezieht sie in bissigen Kommentaren auf heutige Verhältnisse. In Italien wollten diese Show über eine Million Menschen live sehen, die Stimmung glich der eines WM-Fußballspiels. 10 Millionen Zuschauer verfolgten die Aufzeichnung der Show im Fernsehen.
Nun kommt das Programm, das der Oscarpreisträger ausschließlich in der Sprache seiner Heimat präsentiert, nach Deutschland.
Wir sprachen mit Roberto Benigni darüber, warum er sich so leidenschaftlich mit Dante beschäftigt, was das Publikum in seiner Show erwartet – und was es für ihn bedeutet, in Deutschland aufzutreten.
Sehen Sie sich als jemanden, der sein Publikum bei der Hand nimmt und wie in Dantes “Göttlicher Komödie” durch die diesseitige Hölle auf Erden führt?
Benigni: Ich will niemanden mit meiner Arbeit bei der Hand nehmen, so ein Vorgehen ist nur etwas für Oberlehrer mit dauererigiertem Zeigefinger. Nein, ich war und bin kein Mann des Intellekts, sondern ein Mann des Spektakels. Mich hat der Besuch im Zirkus immer schon mehr fasziniert als der im politischen Theater. Tatsächlich möchte ich das Publikum mit einem Feuerwerk an Ideen, Gesten und Worten überschütten, selbst wenn ich bei dieser Aufgabe mutterseelenallein auf mich gestellt bin.
Ist das diesseitige Leben für Sie eine höllische Angelegenheit, der man nur mit Humor begegnen kann?
Benigni: Für mich ist das Leben Himmel und Hölle gleichermaßen, gerade weil ich Italiener bin und deshalb Drama statt Blut durch meine Adern pulsiert. Vor allem aber ist das Leben für mich eine göttliche Farce, da nichts irgendwie einen tieferen Sinn auszeichnet. Dennoch passieren Tag für Tag jede Menge Dinge, schreckliche und schöne, banale und bewegende. Und ganz klar: für mich als überzeugten Komödianten ist Humor das einzig probate Mittel, um dieses eigentlich Widersinnige namens Dasein zu meistern.
Wie sind Sie mit Dantes Komödie in Kontakt gekommen? Was hat sie mit Ihnen angestellt? Warum haben Sie sich so intensiv damit beschäftigt?
Benigni: In den 50er und 60er Jahren, in denen ich meine Kindheit und Jugend verbrachte, hat “Die Göttliche Komödie” an allen Ecken und Enden auf mich gelauert, in der Schule, zu Hause, bei meinen Freunden. Sie gehörte damals zum toskanischen Alltag. Ich wurde vollgesogen mit Dante Alighieris Klassiker, einfach weil ich immer schon eine Leidenschaft für poetische Sprache und philosophische Erkenntnisse in literarischem Rahmen hatte. “Die Göttliche Komödie” ist ja weit mehr als ein Buch, sie ist ähnlich wie die Bibel ein existenzielles Werk über die Menschheit per se. So etwas fasziniert natürlich, wenn man nur ein bisschen prädestiniert dafür ist, sich die Welt mit Worten zu erklären.
Warum ist Ihre Dante-Show ein solcher Erfolg? Was reizt die Leute daran? Vielleicht, dass die Aussicht, in die Hölle zu kommen, durch Humor erleichtert wird?
Benigni: Wie gesagt, “Die Göttliche Komödie” ist ein existenzielles Werk, behandelt werden darin Themen von zeitloser Bedeutung. Schrecken und Schönheit, Humor und Hass gehen hier Hand in Hand. Wenn man diese elementaren Inhalte in der richtigen Mischung zwei Stunden lang vorträgt, wird es kaum einen Zuschauer geben, den das kalt lässt.
Denken Sie an eine Verfilmung der Göttlichen Komödie?
Benigni: Nein, das macht in meinem Fall keinen Sinn! Da ich mich diesem Buch als Alleinunterhalter angenähert habe, wäre es für den Kinobesucher sicher befremdlich und langweilig, einer einzigen Person zwei Stunden lang auf der Leinwand zuzusehen. So ein Procedere funktioniert nur auf der Bühne.
Man kann Dante so interpretieren, dass sich jeder zu Lebzeiten seine Hölle schafft und vorbereitet. Irgendwann büßt man für seine Taten. Denken Sie, dass solch ein Denken den Menschen heute bewusst gemacht werden sollte, damit z. B. Politiker anders agieren? Brauchen solche Leute, die unmoralisch handeln, mehr Demut und Gottesfürchtigkeit?
Benigni: Ich habe mich noch nie als einen Moralisten gesehen, dafür halte ich das Leben als zu merkwürdig und undurchschaubar. Zumindest weiß ich selbst, warum ich Künstler und nicht Banker oder Politiker geworden bin: Ich habe meine eigene Ethik, die für mich – und hoffentlich auch für meine Umgebung – funktioniert. Doch ich werde mich hüten, jemandem vorzuschreiben, wie er sein Dasein zu gestalten hat.
Sind Sie selbst ein gläubiger Mensch?
Benigni: Zwangsweise, denn wenn ich nicht daran glauben würde, dass mein Leben irgendeinen Sinn macht – und genau das zeichnet den menschlichen Glauben für mich aus -, glaube ich überhaupt nichts mehr, was mich in tiefe Depressionen stürzen würde. Dann ist es in meinen Augen besser, gelegentlich in die Leere hineinzubeten, auf merkwürdige Weise gibt mir dieser Akt Kraft. Und wenn ich auf der Bühne stehe und mein “Tutto Dante”-Programm spiele, bin ich einer der gläubigsten Menschen auf der Welt, für zwei Stunden bin ich ein glühender Christ. Ohne diese Grundhaltung ist es völliger Quatsch, sich diesem Werk zu stellen.
Warum wollen Sie Ihre Show in Deutschland zeigen? Ist es nicht ein ziemliches Risiko, Ihr Programm alleine auf einer Bühne und in italienischer Sprache in großen Hallen in Deutschland aufzuführen?
Benigni: Auch Menschen, die kein Wort Italienisch verstehen, sind im Normalfall von meiner Darbietung angetan. Ich habe das Programm so konzipiert, dass es sich nicht ausschließlich auf die Kraft des Wortes, auf Inhalte stützt. Stattdessen muss man sich das Ganze wie ein burleskes Jazz-Konzert vorstellen, das auf Improvisation und der Lust auf den spontanen Moment basiert. Man kann viel lachen und leuchtende Augen bekommen, selbst wenn man nicht recht weiß, was auf der Bühne gerade passiert. Ich glaube, “Tutto Dante” ist ein kosmopolitisches Programm, das in jedem Land dieses Planeten verstanden wird – wenn auch in jedem Land anders.
Haben Sie keine Abneigung gegenüber Deutschland wegen der Verfolgung Ihres Vaters durch die Nazis?
Benigni: Nachdem mir mein Vater erstmalig als Jugendlichem erzählt hat, was ihm in den zwei Jahren Haft im KZ Bergen-Belsen widerfahren war, fühlte ich mich zunächst ungeheuer traurig und leer. Ich zweifelte an der Daseinsberechtigung der Menschheit. Doch mein Vater besaß das Talent, den eigentlichen Horror seiner Jahre im Konzentrationslager derart lebendig und gelegentlich lustig darzustellen, dass ich von Mal zu Mal mehr über diese und jene Schilderung lachen konnte, obwohl die Umstände, unter denen das Geschilderte erlebt wurde, grauenvoll waren. Mein Vater hat mich mit seinen KZ-Schilderungen auf den Weg gebracht, ein Komödiant zu werden, der sich der Tragik der menschlichen Existenz bewusst ist. Ich spiele diese Rolle gern. Es ist die einzige, die ich überzeugend spielen kann.
Roberto Benigni – “Tutto Dante”: Donnerstag, 16. April, 20 Uhr in der Münchener Philharmonie Gasteig. Karten beim NT/AZ-Ticketservice unter 0961/85-550 und 09621/306-230.